Gut Middelstewehr und seine Besitzer 1430 bis 1978 und 1980

Manch einer, der von Norden nach Greetsiel fährt, benutzt die Straße über Eilsum und muß dabei die kleine Ortschaft Middelstewehr durchqueren. Diese Siedlung, etwas erhöht am Tief gelegen, besteht aus nur 4 Höfen und einigen Häusern.

In gräflich ostfriesischer Zeit wurden die Ostfriesen auf den Landtagen und Landschaftsversammlungen durch ihre Stände vertreten. Die Ritterschaft bildeten die adeligen Besitzer immatrikulierter Güter(d.h. diese waren sogenannte in die Ritterschaftsmatrikel eingetragene Güter). Dieser Stand konnte den Hofrichter, zwei Hofgerichtsassessoren, zwei Administratoren und zwei Ordinärdeputierten stellen. Nicht der soziale Rang, die Zugehörigkeit zum Adel allein, gab also das Recht, zur Ritterschaft zu gehören, sondern der damit verbundene Besitz gewisser berechtigter Güter.

Im Lauf der Jahrhunderte war der Adel in Ostfriesland immer bemüht, solche Anwesen für seine jüngeren Söhne zu erwerben. Die Güter unterscheiden sich in zwei Arten: einfache Adelsgüter im Gegensatz zu den sogenannten „Herrlichkeiten“ (z.B. Lütetsburg und Rysum), die eigenen Rechtsanspruch ausüben und besondere Privilegien genossen. Zu den letzten gehörten Middelstewehr bei Eilsum.

Im 15.Jhrdt. gehörte Middelstewehr den Cirksena. Unter Enno Cirksena fiel es etwa um 1430 an seine jüngste Tochter Okka. Drei Generationen später besaß es nach der Matrikel Claus von Werpe. Hofmeister Edzard des Großen, und zwar durhc die Heirat mit Edzarda von Middelstewehr. Nach dem Tode dieses kinderlosen Ehepaares fiel der Besitz an ihre Schwester Hilleda, die dem Imel Beninga von Upleward vermählt wurde. Nach Hilledas ableben im Jahre 1533 erbte ihr Sohn Tido.

1537 starb auf Middelstewehr der Drost von Greetsiel, dirk Duiren. Er stammte einem auf Seeraub ausfahrenden Geschlecht, das Tengshausen im Jeverland im Jeverland ansässig war. Geheiratet hatte er Frouwa Manninga von Lütetsburg, die ihm als Hoffräulein in Esens bekanntgeworden war. In der Kirche zu Visquard begrub man ihn, der viele Schlachten mitgemacht hatte, in denen er ein Auge und ein Bein verlor. Der Chronist Beninga nennt ich ihn ein „ein stolte helt“. Eigentlich hatte er als Bewohner von Middelstewehr in Eilsum bestattet werden müssen. Ab da Duirens Lütetsburger Schwiegermutter Hysa von Visyaurd war, wird man ihn dort und nicht in Eilsum beigesetzt haben, wo früher die Totenschilder von Middelstewehr hingen. Hysa besaß in Visyuard ihr Familiengut, das erst jetzt von ihren Nachkommen den Knyphausen, an den Pächter Schoneboom verkauft wurde.

Es ist selbstverständlich, dass zu diesem Gut auch Begräbnisstellen im Kirchenchor gehört haben. Im alten feuchten Chor zu Visquard liegen übrigens noch heute einige schwer zu entziffernde Stein. Bei einer vermutlich einmal notwendigen Kirchenrestauration sollte man sie sorgfältig untersuchen. Vielleicht findet sich dann dort auch noch das Grab des Duiren.

Duiren scheint als Pächter die Burg Middelstewehr bewohnt zu haben. Die seiner Drostenstellung angemessen war.

1582 verkauft der oben erwähnte Eigentümer Tido Beninga von Uprleward das 200 Grasen große Anwesen Middelstewehr(2,35= 1 Hektar) an seien entfernt Verwandte Bindelef Knyphausen, die verheiratet war mit Eberhard von Diepenbrook. Bindelef war die Schwester Wilhelms von Knyphausen, der mit seiner Einheirat bei der letzten Manninga von Lütetsburg die dortige Linie begründete. Diepenbrook war kein Ostfriese, er kam vom niederrheinischen Empel bei Kleve. Das Paar wurde zu Stammeltern der seitdem hier lebenden Diepenbrooks, die außer auf Middelstewehr auch in Butforde und Loppersum ansässig wurden.

1599 wird das Gut als Bindelef Knyphausens Besitz in der Matrikel genannt, 1620 für ihren Sohn Arnold-Tido(1591-1648), der Almed Beninga geheiratet hatte. Er war landwirtschaftlicher Administrator, führte also solch ein Amt, das(anfangs aufgeführt) der Besitzer eines adeligen Gutes bekleiden konnte. Auf Arnold-Tido folgte sein Sohn Eger(1679), der wieder eine Knyphausen zur Frau nahm: Hyma Adelheid. Über die Familieverhältnisse dieser Hausfrau von Middelstewehr ist einiges bekannt. Ihre früh verwitwete Mutter Okka-Johanna, geborene Ripperda, war eine zweite ehe eingegangen mit dem Grafen Stenbock auf Bogesund und lebt seither mit diesem in Schweden. Sie hatte ihre Kinder in Ostfriesland zurückgelassen, die sie nie wiedersehen sollte. Sie wurden von Verwandten betreut, Tochter Hyma-Adelheid, führte ihrem Onkel auf der Burg Tidofeld bei Norden den Haushalt, bis dieses feste Haus in einer Familiefehde zerstört wurde. Später heiratet sie nach Middelstewehr, während ihre Mutter inzwischen zur Oberhofmeisterin der Königin von Schweden avancierte. 1688 starb Mutter Okka, und dann sah man eine Fregatte über die Meere segekn, zurück von Stockholm nach Greetsiel, mit dem Sarg der toten Oberhofmeisterin an Bord. Die Ostfriesin wurde in der Familiengruft in Jennelt beigesetzt.

 

Okkas Enkel, Hyma-Adelheids Sohn, hieß tido-Eger von Diepenbrook(1679-1720). Er war Hofrichter und heiratete 1710 die 21jährige Ajolda. Tochter des Emder Drosten Folkert Polmann. Vier Jahre später bereits starb sie und ließ eine Tochter mit dem Namen Elisabeth zurück. Dieses Ehepaar hat wohl das noch heute auffallende Wappen anfertigen lassen. In dem als Enbleme die Diepenbrookschen Schwerter und das schachbrettartig gemusterte „T“ der Polmanns zu sehen ist. Folkert Polmann hatte wegen Zwistigkeiten mit dem regierenden Fürstenhaus sein Drostenamt in Emden niedergelgt und sich in Holland das Gut Godlinse gekauft. Diese Beziehungen in das Groninger Land mögen dazu beigetragen haben, dass die nachfolgenden Besitzer von Middelstewehr nur noch Ehen mit Niederländern eingegangen sind.

 

Elisabeth von Diepenbrook heiratet Edzard Tjarda van Starkenborg, gestorben 1770. Er übte den Beruf eines Hofrichters aus, wie sein Schwiegervater es einst getan hat. Sein Name und sein Wappen finden sich noch heute an der Kanzel zu eilsum. Auch seine junge Frau starb nach dreijähriger Ehe und hinterließ wieder eine kleine Tochter. Diese Anna Habbina von Starkenborg, geboren 1730, wurde als Erbin des gutes die Frau des Witwers Onno Danile de Herthoge, Besitzer von Rikkerda und Ferringa, westlich von Groningen, Anna Habbina wohnte auf Rikkerda, und als sie 1799 starb vererbte sie ihren Besitz dem „dranksüchtigen“ Sohn, Edzard Unico de Herthoge, von dem ein Holländer schrieb: „hemakte het zu bont“, dass seine Frau sich von ihm trennte. Mann stellte ihn unter Kuratel und er starb kinderlos. Sein Vermögen kam auf seine Nichte, die mit dem Herrn Alberda auf Menkema verheiratet war.

 

Für das Jahr 1847 sind die Alberda als Herren von Middelstewehr in die Hofliste eingetragen.

Dann entschied sich die Familie den ostfriesischen Besitz zu veräußern. Es erschien eine öffentliche Anzeige, die besagte, dass die Eigentümer des adeligen Landgutes teilungshalber verkaufen wollten.

 

1. das große Schatthaus mit dem daneben stehenden kleinen Schatthaus, 146 Grasen groß, Jagd- und Kirchengrechtigkeit, alles adelig

 

2. eine Behausung mit 3 Gärten(heute Gemüsegarten) und 119 Grasen Land, bewohnt von der Witwe Mauritz

heute Greetsieler Str.22, Hofgebäude mit Wohnteil von 1845 mit 3 Ferienwohnungen

 

3. eine Behausung mit 118 Grasen, bewohnt von A.Hagen .

heute Greetsieler Str. 24, Hofgebäude mit Wohnteil von 1855, 1955 und 1976 mit 3 Ferienwohnungen und die Privatwohnung unserer Familie Saathoff, sowie ein 5000 gm großer Wohn- und Obstgarten

 

4. 108 Morgen Stückland

 

5. die Burgstelle mit dem Burggarten( heute Kälber- und Pferdeweide und ein Parkplatz für unsere Hausgäste), dem sogenannten „Nieuwerk“ und Zingel, zwei Häuser mit Gärten

 

1859 wird neuer Besitzer der Herzog von Arenberg-Meppen. Zu Anfang des 19.Jahrhunders war die Familie Arenberg für die Hergabe von Gütern in der Eifel entschädigt worden mit der Herrschaft Meppen, dessen Zentrum Schloß Clemenswerth bei Sögel sein sollte. Dieses für Norddeutschland einmalige Schlösschen, dass oft von Ostfriesen besucht wird, hatte der von Bau- und Jagdleidenschaft besessene Fürstbischof Clemens-August von Cölln 1717 in den einsamen Wäldern des Hümmling errichten lassen.. Bis 1968 blieb die jetzt in Belgien lebende , sehr wohlhabende Familie von Arenberg(29000 Hektar Landbesitz), Eigentümer von Clemenswerth,dann erst verkauft sie es an die Gemeinde Sögel, die die vier Höfe in Middelstewehr mit 280 Hektar Land wurde 1974 an die NLG Niedersachsen verkauft. 100 Hektar guter Ackerboden wurden weiterverkauft an die Siedler von Leybucht- und Schoonorther Sommerpolder zur Aufstockung ihrer Landstellen. Aus den übrigen 180 Hektar entstanden vier Grünlandbetriebe auf alter Marsch. Für drei neue Hofgebäude, die man im freien Gelände errichtete, verkauft man drei alte, das am Tief erste gelegene ohne Land.

 

Das schöne Gut mit dem Wappen errichtete zwischen 1825/47 wurde mit drei Hektar Land verkauft. 1825 stand in Middelstewehr noch eine kleine Burg. Sie lag hinter dem wappengeschmückten Hof(heute Parkplatz für unsere Hausgäste). An Vertiefungen lassen sie bis heute die alten Gräben erkennen, auch Spuren von Wall und Zingel sind noch zu sehen.

In der „Acht und ihre sieben Siele“, Herausgeber Jannes Ohling, Seite 117, ist eine Karte abgebildet, auf der die Befestigungsanlagen bei Greetsiel und Middelstewehr u sehen sind, die Graf von Mansfeld zu Ende des 30jährigen Krieges dort errichten ließ. Auf diesem Stich ist auch die Burg Middelstewehr eingezeichnet. Sonst ist bislang kein überliefertes Bild bekannt geworden. Burg und Schatthaus bilden anfangs einen zusammenhängenden privaten Komplex. Der Hauptweg führte früher im Osten um die Anlage herum. Die jetzige Straße ist neueren Datums.

 

Wie man sah, lebten die Grundherren von Middelstewehr oft genug auswärts. Nur einmal im vorigen Jahrhundert kam der Herzog nach Middelstewehr um sein Eigentum zu betrachten. Ein alter Mann erinnert sich vor kurzem daran: An jenem Tage wehte die Arenbergsche Fahne über der alten Warfsiedlung. Aus den 200 Grasen des ursprünglichen Häuptlingsitzes waren im Laufe der Jahrhunderte bis 1976 280 Hektar geworden

 

1980 wurden die beiden Hofgebäude auf der westlichen Straßenseite mit landwirtschaftlicher Fläche von unserer Familie getauscht gegen den alten Familiebetrieb in Greetsiel, dem heutigen Hotel „Landhaus Steinfeld“. Die Umgehungsstraße in Greetsiel und die Entwicklung im Fremdenverkehr machte ein wirtschaften für unseren Betrieb unmöglich. Unser Vollerwerbsbetrieb mit Milchwirtschaft und Ackerbau bietet seit 1990 Urlaubern 6 komfortable Ferienwohnungen. Die jahrhundert alte Gartenanlage ist teilweise rekonstruiert und für Garteninteressierte nach Anmeldung zu besichtigen.

 

Quelle: Frau Ella Ippen Theener/Hagermarsch

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1981/ 64. Jahrgang Druck und Verlag H.Soltau GMBH

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